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Bewertung der Redaktion
Zucker Zitrone
Jugendbuch Familie Freundschaft Außenseiter Gefühle Angst & Mut Alltag Coming of Age Spannung Gesellschaft Girls Rule Herkunft & Heimat LGBTQ
Titel Wie ein Schatten im Sommer
Autor*in Adriana Popescu
Das sagt der Klappentext

Einen Neubeginn wagen – anderer Ort, andere Leute, alles auf Anfang! Das hofft Vio, als sie mit ihrer Familie in ein kleines Dorf in Süddeutschland zieht. Und als Vio am ersten Tag nicht nur Anschluss an eine nette Clique bekommt, sondern die Pizza auch noch von dem wirklich netten Konstantin...

Einen Neubeginn wagen – anderer Ort, andere Leute, alles auf Anfang! Das hofft Vio, als sie mit ihrer Familie in ein kleines Dorf in Süddeutschland zieht. Und als Vio am ersten Tag nicht nur Anschluss an eine nette Clique bekommt, sondern die Pizza auch noch von dem wirklich netten Konstantin gebracht wird, bekommt das Landleben schon mal 5 Sternchen. Bald kann Vio sich gar nicht mehr vorstellen, je etwas anderes gemacht zu haben, als durch leuchtende Maisfelder zu radeln und am sonnenwarmen See zu liegen – den Jungen ihrer Träume neben sich. Wäre da nur nicht die Clique seines großen Bruders Robin mit ihren fremdenfeindlichen Sprüchen, die dann doch einen Schatten ins Sommerlicht werfen. Aber zum Glück hat Konstantin mit denen nichts zu schaffen – oder etwa doch?

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Das sagt die Zucker & Zitrone Redaktion

Was mag Vio wohl in München zugestoßen sein, dass sie es okay findet, aus der Großstadt für ein allerletztes Schuljahr aufs Land zu ziehen? Die 17-Jährige findet es auf Anhieb sogar richtig gut in Walddorf, diesem Kaff zwischen Wäldern und Feldern, mit einer Dönerbude, einem Tennisplatz, einem Pizza-Lieferdienst und einem...

Was mag Vio wohl in München zugestoßen sein, dass sie es okay findet, aus der Großstadt für ein allerletztes Schuljahr aufs Land zu ziehen? Die 17-Jährige findet es auf Anhieb sogar richtig gut in Walddorf, diesem Kaff zwischen Wäldern und Feldern, mit einer Dönerbude, einem Tennisplatz, einem Pizza-Lieferdienst und einem leerstehenden Restaurant, dass Vios Eltern ab sofort mit Enthusiasmus und rumänischen Spezialitäten zu neuem Leben erwecken wollen. Doch die Neue zu sein, ist eine zweischneidige Sache. Vio ist das Gesprächsthema Nummer Eins und mit ihrem Auftreten und ihrem Charisma kommt sie gut an. Das allerdings wirft auch Neider*innen auf den Plan und als herauskommt, dass Vio rumänische Wurzeln hat, wird dies von einigen nicht gut aufgenommen, von anderen gar als Argument gegen sie verwendet.
Auf der anderen Seite ist da Konstantin, der bei Vio einen ausgezeichneten ersten Eindruck hinterlassen hat. Das aus den beiden ein Paar wird, scheint allen im Dorf sofort klar zu sein. Nur Konstantin nicht - obwohl es sein absolut größter Wunsch ist. Doch leider trägt er ein Päckchen mit sich herum: Er ist der „zweite Wagenfeld“. Sein von ihm verehrter Bruder Robin ist der ewig Ältere, Coolere, Schönere, Sportlichere von ihnen beiden. In Robins Schatten hat sich Konstantins Selbstbewusstsein nicht gut entwickelt. Seine Überlebenstaktik war bisher: Nicht groß auffallen, überall gut sein, niemanden enttäuschen. Doch mit seinen Versuchen, es immer allen recht zu machen, kommt sich Konstantin wie der größte Langweiler vor.

 

Konstantin und Vio also. Der Mitläufer und die Einzelkämpferin. Sie erzählen abwechselnd die Geschichte ihres brisanten Kennenlernens. Ein raffinierter Schachzug, denn ihre Unterschiedlichkeit und die magische Anziehungskraft, die zwischen den beiden herrscht, treibt die Geschichte über fast 500 Seiten mühelos voran. Vio und Konny rätseln über die Gefühle, Beweggründe und Absichten der bzw. des jeweils anderen, während die Leser*innen an den tatsächlichen Ereignissen und Gedanken spätestens zeitversetzt teilhaben und dadurch nie endgültig Position beziehen. Und das ist nötig, um am Ball zu bleiben.

 

Die verkappten rassistischen Tendenzen, die in Waldorf gären, meinen angeblich nie das Individuum. Gegen Vio selbst hat niemand etwas, aber doch gegen solche wie sie, die angeblich irgendetwas wegnehmen – den Platz für das Handtuch am See, den Love-Interest, Ausbildungsplätze oder leer stehende Gewerbeflächen … Adriana Popescu traut sich an eine gewagte Konstruktion, in der Konstantin sich in die „Fremde“ verliebt, sich Sorgen über das rechte Abdriften seines Bruders macht und dabei zeitgleich selbst in die Fänge der fiesen Freunde von Robin stolpert.

 

Das ihr diese Konstruktion nicht um die Ohren fliegt, sondern flockig aufgeht, liegt an gleich drei Talenten der Autorin. Sie schreibt uneitel, humorvoll und ehrlich und ist damit eine sympathische Erzählerin, der man gerne und vertrauensvoll durch ihre Geschichte folgt. Außerdem versteht es Popescu Spannungsbögen aufzubauen, ohne sie unnötig in die Länge zu ziehen: Kaum wird das eine Geheimnis gelüftet, baut sich, wie bei einem Staffellauf, das nächste schon wieder auf. Zu guter Letzt aber ist es die emotionale Dringlichkeit, mit der Adriana Popescu ihr Thema beschreiben kann. Sie will etwas mit diesem Buch: Aufklären, sensibilisieren, auf Augenhöhe ins Gespräch kommen, zum Denken bringen, Mut machen.

 

Im Nachwort beschreibt Popescu, welch tiefe Verletzungen rassistische Ressentiments und Angriffe in ihr selbst ausgelöst haben. Und sie sagt, dass es ihr schwergefallen sei, sich für die Recherche zu diesem Buch mit Aussteigern aus der rechten Szene auseinanderzusetzen. Dass sich diese Überwindung gelohnt hat, wird darin deutlich, dass man Konstantin und Robin für ihre Fehltritte nicht verdammt. 
In Vios Perspektive wird nachfühlbar, wie schmerzhaft es sein muss, die unbedachten Worte zu ertragen, die gesellschaftsfähigen Vorurteile, die „man wird jawohl noch sagen dürfen“-Mentalität, wie angsteinflößend die unverhohlenen Drohungen und wie traumatisch tatsächliche Übergriffe sind. In Konstantins Erzählung dagegen erlebt man mit gehörigem Grusel, wie die perfiden Taktiken funktionieren, die Robins Nazi-Freunde Volker und Jonas perfekt beherrschen. Sie gaukeln Freundschaft vor, sie spielen Ängste, Einsamkeit und Selbstzweifel aus, sie setzen geschickt Lügen in die Welt und schrecken vor Erpressungen und Bedrohung nicht zurück.

 

Sehnlich wünscht man den beiden Hauptfiguren – und so manchen Nebenfiguren, – das sie endlich den Mund aufmachen und miteinander reden! Wie simpel und hilfreich wäre doch ein aufrichtiges, klärendes Gespräch. Doch so sehr sich die Beteiligten selbst nach Offenheit und Nähe sehnen, sie fürchten, verletzt zu werden. Vio zumindest hat erlebt, wie falsches Vertrauen nach hinten losgehen kann. Damals in München. Doch in Mone, ihrer neuen besten Freundin, zeigt sich, wie lohnenswert es ist, Ängste zu überwinden und sich einem Menschen anzuvertrauen. Konstantin dagegen hat überhaupt noch nie jemanden außer seinen Bruder an sich herangelassen. Seine Versuche, es immer allen recht zu machen, haben ihn emotional verstummen lassen. Er hat eigentlich nichts zu verlieren. Und doch: Wie steht man für sich selbst ein, wenn man sich selbst nicht schätzt? Wie zeigt man Zivilcourage? Und wie verteidigt man seine Werte, wenn man damit bei anderen aneckt und sie sich im Zweifelsfall sogar zu Feinden macht?

 

Es ist schön zu lesen, dass bei all der Ernsthaftigkeit der Spaß nicht verloren geht und es Popescu nicht darum geht, mit dem Finger auf jemanden zu zeigen. Die Sorgen der Dorfjugend bleiben ihr nicht fremd, sondern sie gibt ihnen Raum. Sie gönnt ihrer Vio eine große Liebe in Gestalt der neuen besten Freundin, deren Sehnsüchte und Sorgen lebendig in die Geschichte eingreifen. Sie nimmt überhaupt sämtliche Protagonisten ernst und fühlt mit ihnen, selbst wenn sie Blödsinn reden. (Mit Ausnahme von Jonas und Volker vielleicht.) Popescus Roman ist wie ihre Vio: Überzeugt, aufrichtig und voller Mitgefühl.

 

- Mia Grau

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Metadaten
cbj Jugendbuch 480 Seiten ISBN 9783570314395 ab 14 Jahren Erscheinungsjahr: 2021

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